… und führe uns nicht in Versuchung?

Vor ein paar Monaten bin ich mit meiner Familie umgezogen. Mitten aus dem Revier ins Saarland. Zwei Lastwagen nebst Anhänger transportierten das Mobiliar sowie hunderte Kisten mit unseren Habseligkeiten. Und wie das bei Umzügen so ist, bin ich beim Auspacken einer dieser Kartons auf alte Schätzchen gestoßen, an die man schon lange nicht mehr gedacht hat. So fiel mir ein Notenblatt in die Hand mit einer Melodie, die ich vor etlichen Jahren einmal für das Vaterunser geschrieben hatte. Mir gefiel sie immer noch. Ein paar Tage später hörte ich von dem Vorschlag des Papstes, eine Zeile des wohl bekanntesten Gebetes der Christenheit neu zu formulieren. Zufall? Wer weiß? Auf jeden Fall ein Anlass, meinen Song endlich ordentlich zu Papier zu bringen und dabei für mich zu klären, ob ich seinem Vorschlag etwas abgewinnen könnte.

Franziskus stört sich an dem Versteil: „und führe uns nicht in Versuchung“. Es sei nicht Gott, der den Menschen versuche, sondern Satan. Denn ein Vater mache so etwas nicht. Deshalb plädiere er dafür, anders zu beten: „Lass mich nicht in Versuchung geraten.“ Der Papst positionierte sich damit in einer Diskussion, die mehr oder weniger öffentlich schon seit geraumer Zeit geführt wird. Ist das durch Jesus vermittelte väterliche Gottesbild vereinbar mit der Vorstellung, dass Gott, der ja die Liebe ist, seine Geschöpfe auf die Probe, ja ihnen gar eine Falle stellt? Wenn Gott doch das absolut Gute repräsentiert, kann er dann so gemein sein? Diese Fragen spitzen das Problem der Theodizee, also die Frage danach, wie Gott in der Welt das Leiden zulassen kann, noch einmal zu. Wirft man ihm dabei höchstens seine Passivität vor, was schon schwer genug zu ertragen ist, wird er nun mit dem Vorwurf konfrontiert, selbst aktiv am Bösen beteiligt zu sein.

Natürlich nahm die Debatte nach der Stellungnahme des Papstes an Fahrt auf und pro und contra wurden äußerst kontrovers diskutiert. Philologische und theologische Argumente wurden herangezogen, die einen halten die griechische Fassung für eindeutig und sehen keine Notwendigkeit zu einer Korrektur, die anderen bemühen die Muttersprache Jesu (aramäisch) und halten die Formulierung für interpretationswürdig. Und dann gibt es auch jene, die sprachästhetisch argumentieren. Drei Lager bildeten sich in der Folge heraus: diejenigen, die bei der traditionellen Fassung bleiben wollen, jene, die für eine neue Formulierung plädieren und schließlich eine Fraktion, die beide Varianten für möglich und richtig halten. So ist nicht verwunderlich, dass zum Beispiel in der Schweiz die französischsprachigen Christen zu Ostern die neue Formulierung in ihrer Liturgie übernommen haben („ne nous laisse pas entrer en tentation“), während ihre deutschsprachigen Geschwister bei der alten Version geblieben sind („ne nous soumets pas à la tentation“).

In Deutschland hat sich die EKD für die Beibehaltung der vertrauten Formulierung entschlossen, was ich eindeutig begrüße. Ich sehe in der traditionellen Fassung jedenfalls keinen Widerspruch zu einem liebenden himmlischen Vater, denn auch wenn ich dieser Vorstellung sehr viel abgewinnen kann, ist sie doch wie alle anderen nur ein Versuch unter vielen, Gott in ein vertrautes Bild zu packen. Nutzen wir es zu einseitig, legen wir Gott auf ein zwar liebenswürdiges, aber dennoch unzureichendes Profil fest. Gerade das Alte Testament erzählt ja oft ganz unbefangen von total anderen, befremdenden, ja auch beängstigenden Erfahrungen, die Israel mit seinem Gott gemacht hat. Das mag daran liegen, dass es für einen alten Monotheisten keinen Ort und keine Zeit geben kann, in der Gott nicht ist oder das Zepter aus der Hand gibt. Selbst bei Hiob muss sich der Teufel erst die Genehmigung seines Herrn abholen, sein Unwesen – eingeschränkt – treiben zu dürfen.

Überhaupt scheint mir die Vorstellung eines Versuchers eine geniale Erfindung des Menschen zu sein, die Verantwortung von sich weisen zu können, wenn er wieder einmal Blödsinn angestellt hat und an der Schöpfung schuldig geworden ist. Denn wenn uns der Teufel oder Satan reitet, sind wir ja nicht mehr wir selbst und damit Herr der Lage! Überhaupt sollte der Mensch, bevor er irgendjemand anderen ins Spiel um Gut und Böse bringt, erst einmal sich selbst an die Nase fassen und dafür sorgen, dass niemand – wie im Himmel so auch auf Erden – einen Grund hat, enttäuscht oder sauer auf ihn zu sein. Denn letztendlich ist es ja nicht die Versuchung, die uns zu schaffen macht, sondern die Konsequenzen, wenn wir ihr erliegen.

So muss ich also nicht an der Vaterunser-Melodie herumdoktern und kann sie lassen, wie sie mir damals eingefallen ist. Übrigens: Wem der Song gefällt, darf ihn gerne für private oder gottesdienstliche Zwecke nutzen. Die Noten stehen als PDF zum Download bereit, ebenso eine kleine MP3- und Midi-Datei, um sich die Melodie anhören zu können. Vielleicht komme ich irgendwann eimal auch noch dazu, den Song richtig aufzunehmen. Aber vorher muss ich noch ein paar Umzugskartons auspacken.


→ Vater_unser_im_Himmel-C (Noten als PDF)
→ Vater_unser_im_Himmel (Midi-Datei)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.